Die Mechanik des Zufalls

Dokumentation ZDF/Arte 1998. Mit dem Chaos ist auch der Zufall wieder in Mode gekommen. Kurz vor dem neuen millenium regt sich wieder neu das Interesse an der Rolle, die der Zufall in unseren Lebensgeschichten spielt.

Der Zufall ist der Motor des Lebens und der Evolution, er schafft die unendliche Vielfalt der uns umgebenden Welt. Er hat unsere Eltern zusammengebracht und ihre Gene so kombiniert, daß aus der befruchteten Eizelle niemand anderes entstehen konnte als wir. Er hat die Weichen für unsere Karreien gestellt, und uns mit den richtigen -- oder den falschen Leuten zusammengebracht.

Wie zufällig ist der Zufall? Könnte es sein, daß beim Zufall mehr im Spiel ist als Wahrscheinlichkeit? Dieser ketzerischen Frage geht Christian Bauer in seinem Film "Die Mechanik des Zufalls" nach.

Der Zufall, so wie wir ihn im Alltag verstehen, ist das nicht vorhersehbare, nicht erklärbare, aber dennoch sinnvolle Ereignis. Am Anfang war alles Zufall, alles Wunder, Werk der Götter: Das Feuer, die Jahreszeiten, der Lauf der Gestirne. Dem scheinbar zufälligen Geschehen das Gesetzmäßige abzulauschen, war für den Menschen eine Frage des Überlebens.

Am PEAR Institut an der Universität Princeton beschäftigen sich Ingenieure und Psychologen tatsächlich mit der Frage, ob wir über unser Denken und Fühlen mit einer Maschine in Verbindung treten können, die durch einen Zufallsgenerator gesteuert ist. Was sie dabei herausfinden ist verblüffend und paßt nicht in unser Weltbild.

Mit der Aufklärung schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis auch die letzten weißen Flecken auf der Lankarte der Erkenntnis getilgt sein würden und jeder Zufall erklärt. Aber jeder Erkenntnisschritt warf neue Fragen auf. So meinen heute manche, daß auf diesem Wege sicherlich nicht die ganze Wirklichkeit zu erfassen ist.

Im Märchen ist von einer Zeit die Rede, als das Wünschen noch geholfen hat. Die Ergebnisse der PEAR Versuche könnten darauf hindeuten, daß diese Zeiten noch nicht zu Ende sind: Mit ihren Versuchen kommen die Forscher zu dem Schluß, daß unsere Intention die Muster des Zufalls verändert. Wie das passiert und warum, darauf wissen sie keine Antwort.

"Die Mechanik des Zufalls" ist ein Ausflug an die Grenzen unserer Erkenntnis, dorthin, wo die Wissenschaft erst mühsam einen Weg in unbekanntem Gelände sucht. Gesprächspartner sind Helmut Schmidt, der große alte Mann der mind-machine-Forschung, Robert Jahn und Brenda Dunne vom Pear Instut in Princeton, wo auch Roger Nelson forscht, der sich statitistisch der Frage annähert, ob das Wünschen einen Einfluß aufs Wetter hat, Holger Bösch vom Institut für Grenzgebiete in Freiburg, wo diese Versuche wiederholt werden, und Paul Brutsche vom C.G.Jung Institut in Küsnacht - denn Jung hat sich mit dem Nobelpreisträger Wolfgang Pauli schon früh Gedanken über die Rolle des Zufalls in unserem Leben gemacht. Harald Atmanspacher, Physiker am Max Plank Institut, sagt, wie sich die heutige Wissenschaft zu all dem verhält.

Der Zufall ist auch ein großer Geschichtenschreiber: Die erzählt die Journalistin Carmen Thomas, die mit ihrem Buch "Vom Zauber des Zufalls" für einen offenen Umgang mit dem schöpferischen Zufall in unserem Leben plädiert.

Jedes Ereignis hat seine Wahrscheinlichkeit. Sie ist durch die Statistik gegeben. Ganz banal bedeutet das: Was passieren kann, wird auch passieren --wir müssen nur lange genug drauf warten. "Chance" sagt man dazu im Englischen.

In unserem Film interessiert uns aber mehr die andere Variante des Zufalls, für die sich im Angelsächsischen der Begriff "sychronicity" eingebürgert hat. Carl Gustav Jung hat ihn geprägt. Seine Idee der "Synchronizität", die er zusammen mit Wolfgang Pauli, dem Nobelpreisträger für Physik entwickelt hat, ist im Deutschen noch weitgehend ein unbekanntes Konzept. Dabei kennen wir Synchronizität längst aus ureigener, alltäglicher Erfahrung: Ein Ereignis in unserem Leben, das ebenso unverhofft wie sinnvoll ist. Ein Ereignis, das bei uns den Ausruf provoziert: Das kann doch kein Zufall sein!

Wenn es kein Zufall ist, was ist es dann? Das ist die Frage, die der Film sich stellen will. Greift etwa ein lenkendes Schicksal in unser Geschick ein? Sozusagen in Erfüllung eines Plans? Oder provozieren wir das Ereignis auf einer unterbewußten Ebene sogar selbst?