Oliver Thewalt

    Oliver Thewalt

    Theoretical Physics | Quantum Biology | Dark Matter Research Cluster

    Der Punkteplan, Originalversion von 2004 - Science Fiction Roman: Revision

     
     
    Kapitel 1
     
    Charlize wachte auf und schüttelte sich. Die letzte Nacht war anstrengend gewesen. Ohhhhh man, diese Designer Drogen. Sie erinnerte sich nicht mehr an die Bezeichnung. Der Kopf dröhnte. Viel stechender war der Erinnerungsschmerz um deren Finanzierung. Ja genau, damals im Jahr 2082 hat der Regierungsrat der Europäischen Union das Geldwesen revolutioniert. Früher dachte man, dass der Clou der Zeit sei, dass die Kennedy Akten veröffentlicht wurden. Nun, es kam tatsächlich raus dass alle mit drin steckten, nur hat das keinen mehr interessiert. Die US-amerikanische Regierung ist, genau, wie die Regierung der Europäischen Union, im Begriff einige wesentliche Funktionen an die UN abzugeben.
     
    Naja, wen interessiert das schon. Charlize stand auf und bediente den Kaffeehydratisator. Eine Trockenpille rein, zisch, pfft, blubber und das Koffeeingesöff war fertig die Reise in die Venen einzutreten, oral versteht sich. Die vielen Nanohelfer werden schon keinen Kalk zulassen. Jipppeij, ein Hoch auf die Technik. Nur Kaffeehydratisierungspillen, ja genau, die konnte man nicht mit denselben Punkten bezahlen wie Designer Drogen oder die Miete oder weiss der Kuckuck was für´n Zeug. So war das nämlich, dachte Charlize, halb begeistert, halb ungläubig. Die haben doch tatsächlich die Kohle in Ihrer herkömmlichen Form abgeschafft!
    Ja, seit dem Punkte-Gesetz der UN in Ihrer Fassung des Europäischen Regierungsrates vom 01.07.2082, Ausarbeitung der damaligen EZB wurde der Euro durch Punkte ersetzt. Und das weltweit! Kein Greenback mehr, kein Yen, kein Rand kein nichts mehr. Nur noch diese verflixten Punkte.
     
    Charlize sah sich im Holospiegel an. Wau, der Hintern war noch recht knackig für ihre 38 Lenze. Die Brüste, nun ja, nicht zu gross, nicht zu klein aber kein Volumenkissen drin! Der Holospiegel spuckte alle Blutwerte aus, Cholesterin OK, Zucker OK, LDL OK, HDL OK, kein Krebs, kein Aids und auch keinen Springmaus-Jelzner Virus. Yeah, you got it babe.
     
    Jetzt wird schnell das Grid angeschmissen um zu sehen, was die Aktienkurse so machen. Der Kaffeehydratisator war in der Nähe und leitete über das Wohnungseigene Netzwerk den Befehl zum starten des Quantenrechners weiter. Jaja, dieses altmodische Ding, für einen Gen-Rechner hat es noch nicht gereicht. Ausserdem reicht der für meine Zwecke aus. 5 Teraflops sollten eigentlich genügen, kicherte sie.
     
    Das Grid öffnete sich, und über ihre persönlichen Einstellungen erfuhr sie, dass sie für diesen Monat noch über 385 Lebensmittelpunkte, 65 Kulturpunkte, 123 Transportpunkte, 39 Alkoholpunkte, 300 Jokerpunkte, streng gebunden natürlich, 15 Antimietpunkte , 150+ medizinische Punkte, 5 Sonderpunkte von der Gesundheitsbehörde für staatlich geförderte Designer Drogen, 567 Bildungspunkte, jährlich abbuchbar, 200 allgemeine Beratungspunkte, 345 Alimente Punkte für ihre 8-jährige Tochter Amily und ihren 12-jährigen Sohn Ken, und 209 Punkte für ihren allgemeinen Bedarf, die über eine kontrollierte Umtauschfunktion aufwiesen, verfügte. Ach ja die brauche ich auch, denn meine Mietpunkte sind bei 15 Antipunkten angelangt.
     
    Charlize wählte sich über das Grid in die lokale Station der Südwestdeutschen Transfergesellschaft (SWT) ein. Schnell die Genehmigung einholen um 15 Allgemeinbedarfspunkte in Mietpunkte umzuwandeln. Und Bingo, die 15 Punkte wurden auf das Konto der Wohnraumbeschaffungs- und Vermittlungsgesellschaft der Europäischen Medien- und Bildungssocietät transferiert und transformiert.
     
    Das wäre geschafft. Charlize ging zum Nahrungsgenerator. Sie schaute nach, ob der Vorrat an Genmaterial und RNA noch ausreichte und bestellte dann einen gemischten Salat, einen Orangensaft und Ham & Eggs. Pflusch machte es, der Nahrungsgenerator gab grünes Laserlicht. Hmm, das schmeckte...gar nicht so richtig?
     
    Denn mit einem lauten Pfeifen spuckte das Grid ihren automatisch getriggerten Punkte Hebesatz aus: Er ist um 0,5 % auf den Faktor 1,45 gesunken, da sie versucht hatte, Lebensmittel DNA an die Computerindustrie und die Designer Drogen Industrie zu verkaufen.
     
    Sie verfluchte die Zweite Unabhängige Europäische Punktetransferstelle (ZUEPT). Deren gab es drei in Europa. Die UEPTs sind genau wie ihre Pendants in Asien, Amerika und Afrika dafür zuständig, die Hebelsätze für das Verdienen von Punkten zu bestimmen. Diese Gesellschaften sind unabhängig und werden kontrolliert von der UN-PT und den Unabhängigen Punktevertrauensmännern (UPVM). In jedem Ortskreis im deutschen Teil der EU gibt es mehrere PVMs. Sie tun dasselbe wie die PTs, sie rechnen den Hebesatz fürs Verdienen aus.
     
    Uff, die Microsoft Aktien sind leicht gestiegen. Jedenfalls die der eigenständigen Microsoft Open-Source AG Europa. Das macht die Hebesatzmisere fast wieder gut! Es war schon eine wahnsinnige Idee das Geld abzuschaffen und durch Punkte zu ersetzen, seufzte Charlize vor sich hin. Ab sofort verdiente man nicht nur nach dem Leistungsprinzip, oder nach dem Egotrip – und Arschlochprinzip, ergänzte Charlize mit bebender Stimme, sondern es fliessen andere Bewertungskriterien mit ein. Der Punkte-Hebesatz, durch den man mehr als 100 Prozent seines Grundgehaltes verdienen kann, wird bestimmt durch Charaktereigenschaften, soziales Engagement, nützliche Tätigkeiten für die Allgemeinheit wie Schaffung von Kultur oder die Entwicklung zukunftsträchtiger Ideen, Fürsorge für die eigene Familie, Kriminalstatistik und Sonderbereiche. Die Entscheidung, wie der Hebesatz ausfällt wird in Europa von den Unabhängigen Europäischen Punktetransferstellen und den Unabhängigen Punktevertrauensmännern getroffen. Die 3 UEPTs und die UPVMs überwachen sich gegenseitig. Eine Veränderung im Hebesatz von über 0,25 % muss einstimmig erfolgen, es sei denn, es liegen aussergewöhnliche Faktoren vor. Wenn jemand sich besonders im guten Sinne hervortut kann von ihm eine Eingabe beim nächsten UPVM gemacht werden und im Eilantrag von den mindestens 3 zuständigen UPVM und der jeweils zuständigen UEPT entschieden werden. Bei entsprechend negativ zu bewerteten Verhalten ist das Gremium aus Vertretern der lokalen UEPT und der UPVM zuständig.
     
    Um das zu begreifen, gingen an der Schule meine ersten Bildungspunkte drauf, sinnierte Charlize. Doch was für ein berauschendes Gefühl war das, als sie im zarten Alter von 9 Jahren begriff dass sie mit 25.000 Bildungspunkten schon geboren war! Da Ihr Vater eine Vater-Kind Übertragung des vererblichen Hebesatz- Faktors für Geborene ab dem Jahr 2040 von 1,12 bei der UEPT geltend machen konnte, stiegen alle Pränatalen Punkte, und natürlich nur ausschliesslich die um eben den Faktor 1,12. Leute mit weniger begabten Vätern durften immer noch den europäischen Durchschnitt beantragen, der betrug im Jahr 2095 1,07. Der europäische Durchschnitt errechnete sich nicht nur aus dem Durchschnitt des vererblichen pränatalen Hebesatzes, sondern auch aus der gegenwärtigen volkswirtschaftlichen Lage, dem Produktivitätsniveau, aber auch aus dem statistischen Sozialfaktor. Dieser Sozialfaktor, rezitierte Charlize von der Gridseite der Hebesatz-Implementierungs- und Kontrollkommission in Amsterdam, berechnet sich aus dem allgemeinen Charakterindex, dem Social-Behaviour Index, der Kriminalstatistik und Sonderfaktoren. Nun ja, das ist alles ....ein schrilles JiiiJu JiiiJu unterbrach Charlize in ihren Überlegungen. Der Wohnungskommunikator des 24h Bereitschaftsgrid-Kommunikators öffnete einen Kanal auf ihrem altmodischen Plasmawandschirm, direkt gegenüber der Schreibtischecke. Für einen Holoschirm hatte sie noch nicht soviel übrig. Die Dinger versprachen eh noch nicht das, was man in den alten Star-Trek Serien anpries. Aber so sicher war sie sich da auch nicht. Die modernen Serien mochte sie lieber.
     
    „Ach Hallo Zed“ krächzte Charlize, nachdem sie die Bildmute-Taste gedrückt hatte. „Ich muss mir noch schnell meinen Morgenmantel anziehen, Zed.“
     
    „Macht nichts“ konterte Zed, „ich weiss noch von heute Nacht, wie du aussiehst!“
     
    Charlize schaute etwas verlegen Richtung des Human Recognition Gerätes und betätigte abermals die Bildmute-Taste.
     
    „Nun Zed, ich bin noch ein bisschen geschafft von gestern, was gibt’s denn, so dringendes, dass Du am Mond-Tag um 9:30 anrufst?“
     
    „Nun, ich wollte mit Dir darüber reden, was wir letztens besprochen haben, Du weisst schon, Deine Zukunft als Gentechnikerin.“
     
    Charlize war nicht erfreut. So früh schon solche ernste Gespräche. Sie nippte am Kaffee und nahm den Zigarettomat in die Hand. Ein Knipps und man konnte garantiert schadstofffrei rauchen. Das Nikotin war auf intern eliminieren eingestellt. Das übernahmen die Nanoroboter.
     
    Charlize blies den Plasmarauch in den Raum. Der Ansauger erledigte den Rest. Tja, in diesen hochmodernen Wohnblocks, die ab 2075 gebaut wurden war nichts dem Zufall überlassen worden. Klimaanlagen, Phasensynchronisation mit allen möglichen natürlichen Phänomenen wie Magnetfelder, Sonneneruptionen und Mondanziehungskräften, biometrische Messgeräte um Punkte zu individualisieren....
     
    „Nun, was denkst Du“, unterbrach Zed sie ein wenig harsch.
     
    „Ich frage mich, welche Designer Droge wir gestern genommen haben ?“
     
    „Ja, das ist eine gute Frage!“; grinste Zed. „Die war nicht leicht zu beschaffen und ziemlich teuer. Ich glaube sie hiess HIE-AC2. Das steht glaube ich für Human Immune Evolution – Addiction Compensation 2. Das ist das Neueste vom Neuesten. Die Bayer Labs stellen das her. Ist sowohl geeignet für Süchtige als auch für Nicht-Süchtige. Süchtigen werden dadurch langsam entwöhnt. Die Nicht-Süchtigen haben keine Suchtgefahr oder Nebenwirkungen zu befürchten. Ist ein genetischer Faktor. Oder auch Hammer“, lachte Zed. „ Aber Du wolltest doch was anderes machen als so ein Zeug zu entwickeln, oder?“
     
    „Genau“, hauchte Charlize.
     
    Zzzzzt, Bliiip machte es. Ein zweites kleines Bild öffnete sich auf dem Plasmaschirm.
     
    „Hallo Mama“ sagte Ken.
     
    „Hallo Ken, wie geht’s Dir, was gibt’s“ nuschelte Charlize und drückte auf Mono-Mute.
    „Nun, heute am Wochenbeginn sollte ich eigentlich am Schul-Grid arbeiten. Ich habe aber irgendwie gar keine Lust. Ich freue mich schon auf die Aufzugsfahrt zum Erdorbit und auf den Besuch von Zukunftswelt auf dem Mond. Seitdem Pappa auf dem Mond arbeitet ist alles dort möglich für uns geworden. Das lässt mir keine Ruhe“
     
    „Kann ich verstehen, Ken. Aber ich habe gerade ein wichtiges Gespräch auf dem anderen Kanal. Ich schicke Dir ein paar Grid-Punkte, da kannst Du Dir ein schönes 3D-Holo Rollenspiel aussuchen. Ich rufe später zurück.“
     
    „Au klasse! Bis später Mama.“
     
    Der Monoblock löste sich automatisch als Ken aus dem Kanal ging. Charlize nahm einen kräftigen Zug vom Zigarettomat. So ein Ding verfügte über eine Kapazität von 15.000 Zigaretten. Sogar die Marke konnte man einstellen.
     
    „Nun Zed, ich habe darüber nachgedacht. Ich werde nächsten Monat beim MIT anfangen. Unser Ziel ist es, den Homo Sapiens genetisch so zu verändern, dass alle anachronistischen Nachteile die aus unserer Entwicklungsgeschichte und der unserer Humanoiden und tierischen Vorfahren stammen möglichst ausgemerzt werden. Zunächst konzentrieren wir uns auf das Aggressionsverhalten und die hormonelle Steuerung. Die Bewusstseinsrinde soll als rationaler Taktgeber bestärkt werden. Das Stammhirn soll entsprechend angepasst werden.
    Weisst Du, wir müssen viel am Grossrechner simulieren. Wir haben auch künstliche Klone, an denen wir simulieren können. Diese Klone wurden nicht geboren. Sie wurden künstlich hergestellt wie Dummies. Dafür haben sie aber kein echtes Bewusstsein. Das übernimmt der Human- Simulation- Cluster Rechner. Mann, der verfügt über 36,7 Petaflops. Das sind 1024 hoch 5 mal 36,7 Fliesskommaoperationen in der Sekunde!!!.“
     
    „Ist ja voll geil. Dann verabschiedest Du dich vom Projekt ‚Ernährungsumstellung auf Kunstnahrung’ ? “
     
    „Ja, in jedem Fall. Ohne Verdauungsapparat auszukommen wäre schon toll. Wie viele Krankheiten da von vorneherein eliminiert werden. Es wird auch billiger sich zu ernähren. Die nächste Stufe schockt mich dann aber schon!“
     
    „Klar, kann das Gehirn alleine existieren, in einer entsprechenden technischen Umwelt, die Quasiunsterblichkeit... Aber das ist doch Science Fiction.“
     
    „Ich weiss. Das glaubten unsere Eltern von dem was wir heute machen auch! Jemand intelligentes hat mal gesagt, dass Science Fiction die wahre Wissenschaft ist, weil sie sich mit der Zukunft beschäftigt.“
     
    „Klar, und Harrison Ford ist ein Replikant...“
     
    „Jedenfalls habe ich das Angebot vom Massachusetts Institute of Technology jetzt definitiv angenommen. Jetzt zahlt sich das Gentechnologie-Studium aus. Meinen letzten Nebenjob als Mediengestalter des Internet 3 bzw. dessen globaler Nachfolger, dem Grid, gebe ich auf. Hmmm, meine Gridkenntnisse zum optimalen Stellen komplexer Suchanfragen kann ich da gut gebrauchen.“
     
    „Ja klar. Aber ziehst Du jetzt nach Cambridge in Massachusetts?“
     
    „Nein, vorerst nicht. Ich benutze die transatlantische Rohrpostverbindung. Die fahren jetzt mit 5500 km/h. Das geht ruckzug. Aber ich fahre nicht jeden Tag rüber. Hauptsächlich am Wochenende komme ich zurück. Dort gibt es Scientific Staff Housings. Später, wenn alles gut läuft, nehme ich mir dort eine Wohnung.“
     
    „Das finde ich alles waaaaahnsinnig toll!“, kommentierte Zed.
     
    „Ja, ich auch.“ pflichtete Charlize bei.
     
    „ Das Grid als Nachfolger des Internet 3 ist schon toll. Jetzt kann man da einfach bei den Suchmaschinen ganze Sätze als Fragen formulieren und bekommt eine massegeschneiderte Antwort. Sogar in einer Form, wie sie vorher im Netz nicht vorhanden war. Ich denke, Charlize, Deine Kenntnisse auf diesem Gebiet werden dir bei Deinen Forschungsarbeiten helfen. Und...“
     
    Ding, ding machte es.
     
    „Oh, meine Kommunkationspunkte sind abgelaufen, Charlize. Ist leider kein kostenloses Ortsgespräch. Kannst du mir ein paar Kommunikationspunkte ausleihen?“
     
    „Mein Punkte-Bioscan-Binder ist defekt. Ich kann die Kommunikationspunkte im Augenblick nicht von meiner Biosignatur lösen. Toll, geklaut werden können sie mir damit nicht. Aber weitergeben würde niemandem was bringen. Die sind einfach wertlos für jeden ausser mir! Ich werde mal den Reparaturdienst anrufen. Bis heute abend musst du noch warten. Mein Radio Frequency Identification (RFID) Scanner sagt mir, dass Du in Frankfurt bist. Danke, dass du mir Deine Frequenzen freigegeben hast! Was machst Du in Frankfurt?“
     
    RFID Chips waren schon immer ein zweischneidiges Schwert. Sie wurden damals vor allem eingesetzt um die Artikelverwaltung zu revolutionieren oder um die Datenschützer auf die Palme zu bringen, erinnerte sich Charlize.
     
    „Nun, so dies und das, hauptsächlich Designer Drogen verticken.“ lachte Zed. “ Nee, ich nehme an der diesjährigen IJCAI, der International Joint Conference on Artificial Intelligence teil. Mein Themengebiet ist: ‚Intelligenzverstärkung durch Chipeinpflanzung ins menschliche Gehirn’. Möglicherweise lässt sich das Ding ja tunen hahahha“.
     
    „Bei Dir aber nicht, denn Du verfügst über kein selbstorganisierendes Prinzip, wenn man mal von Deinen Punkten absieht“.
     
    „HoHoHo“.
     
    „OK, Zed, ich muss jetzt Schluss machen. Wir können ja heute abend noch mal telefonieren. Tschau!
     
    „Tschüss Charlize, und halt die Ohren steif!“
     
    „Versteht sich!“
     
    Charlize erledigte die Morgentoilette und zog sich an. Ganz normale Klamotten. Ohne Chip! Der ständige Rechnerkontakt nervte nämlich. Sie kramte sämtliche RFID Chips aus den Taschen und lies sie löschen. Die Dinger konnte man für viel schöneres verwenden. Zum Beispiel zum Identitätsklau. Oder um eventuelle Nachspionierer in die Irre zu führen. Oder zum Aufbau einer Zweitidentität? Doch die UVPMs und die UEPTs konnte man damit nicht narren. Die überprüften die eigenen Angaben wenn nötig mit anderen Mitteln. Keiner weiss genau wie und womit. Doch das, so schwor sich Charlize, würde sie auch noch herausfinden.
     
     
    Kann man denen denn vertrauen? Ja über mögliche Formen des Vertrauens, wie man es sich verdient und was man damit anfängt liesse sich auch prächtig forschen. Ob das was mit Evolution zu tun hat? Bestimmt! Ihr Grossvater erzählte ihr damals immer wieder die Story von Nick Leeson und der Baringsbank. Er sagte zu ihr: „Charlize, wenn die sich hätten vertrauen können, also wenn Nick hätte sagen können, dass er einige Millionen in den Sand gesetzt hat, ohne befürchten zu müssen abgeschossen zu werden, dann hätte er nicht weitere Risikopositionen eingehen müssen, mit denen er vergeblich versuchte alles glatt zu stellen. Tja, ich glaube, da kam ihm so ein Erdbeben in die Quere. Dann war es um seine Spekulationen endgültig geschehen und die Baringsbank ging pleite. Heute gibt’s ja keine Banken mehr in der Form. Und pleite gehen können die so ohne weiteres auch nicht mehr. Das geht aber nur über Vertrauen, hörst Du Charlize ?! Wer gutes denkt, der gutes empfängt und gutes triggert. Das ist mein Wahlspruch.“
     
    Toll, toll, nur wem kann man heutzutage noch vertrauen ? Und wer interessiert sich schon für einen als Mensch? Nun ja, ich muss diese Gedanken ein anderes Mal zu Ende denken, entschloss sich Charlize.
     
    Was mache ich jetzt als nächstes? Mit den MIT Leuten die Vorbedingungen besprechen? Oder zum Tag der offenen Tür bei der Microsoft Betriebssystem Division reinschneien? Noch habe ich ein paar freie Tage. Ich gehe erst mal etwas bummeln!
     
    Charlize steckte sich alles ein, was man so in der Stadt braucht. Da ist der biosignierte Punktetransformer. Dies ist ein kleines, handliches Gerät mit welchem man überall bezahlen kann. Die Punkte, mit welchen es aufgeladen ist sind mit biometrischen Merkmalen personifiziert. Am gebräuchlichsten sind der Iris-Scan der Augen und seit neuestem, der absolute Hammer, ein genetischer Fingerabdruck. Dazu hat das Gerät eine kleine Öffnung, in die man beispielsweise ein Haar reingeben kann (man könnte theoretisch auch reinspucken) und schon kennt das Gerät den genetischen Fingerabdruck des Besitzers. Vornehme Leute lassen das von der lokalen Station einer Punktetransferstelle machen und übernehmen in ihren portablen Geräten die Signatur.
     
    Jedenfalls wenn man bezahlen möchte, oder heutzutage sagt man, wenn man punkten möchte, lässt man das Gerät seine Identität überprüfen, dazu ist der Iris-Scan immer noch am praktischsten, und erlaubt den Punkten auf das entsprechende Gerät des Empfängers überzuspringen, und dessen Biosignatur anzunehmen. Man nennt das „transferieren und transformieren“.
     
    Falls man sein Gerät verliert, so kann man das bei der entsprechenden Punktetransferstelle melden. Ein etwaiger Dieb kann jedoch rein gar nichts damit anfangen, denn alle Punkte haben eine digitale, biometrische Signatur des Besitzers. Diebstahl ist gegen Ende des 21.Jahrhunderts, jedenfalls was Zahlungsmittel angeht, fast unmöglich.
     
    Ach, ist eigentlich schon erwähnt worden dass es keine physischen Punkte (früher, als es noch den Euro gab nannte man es Bargeld) mehr gibt? Alle Punkte sind digital, weltweit. Es gibt also keine Währungsrisiken mehr. Der genau Bestand an Punkten, weltweit, wird von der Punktetransferstelle der UN (UN-PT) täglich ermittelt. Da alles digital ist, können sämtliche Punktebewegungen aufgezeichnet werden. Der Super-Punkte-Cluster Rechner der Punktetransferstelle der UN (und natürlich auch der der europäischen Punktetransferstellen) bestimmt exakt alle wirtschaftlichen Risiken und Erfordernisse wie Inflations- oder Deflationsgefahren, Wirtschaftswachstum und Stagnationsgefahren, Leitzinsen, Verschuldungen und Grösse des staatlichen Schuldendienstes, erforderliche Nettokreditaufnahme, Exportüber- und unterschüsse, maximale Grösse staatlicher Budgets (sofern es überhaupt noch souveräne Nationalstaaten gibt, denn die übertragen so nach und nach alle Funktionen auf die UN und die Unterorganisationen, wie die EU oder den ASIA-Block) oder die Transferleistungen an andere Länder durch die UN-Weltpunktetransferstelle.
     
    Der Vorteil digitaler und biometrisch signierter Punkte für das Grid liegt auf der Hand. Dort gibt es auch keinen Punkteklau mehr. Denn die Digitalisierung und Verschlüsselung beruht auf einem Algorithmus der am MIT entwickelt wurde. Selbst der schnellste Super-Cluster Rechner der Welt mit 78 Petaflops bräuchte Jahre um auch nur einen Punkt zu knacken! Denn jeder Punkt ist anders verschlüsselt. Kein Mensch weiss genau wie das geht, nur die vom MIT und den Leuten bei der Punkteproduktionsstätte auf Long Island. Jeder Mathematiker und Informatiker hat zum Hobby das zu knacken. Wenn man nur das Basisprinzip kennen würde? Selbstredend wird der Algorithmus ständig weiterentwickelt, so dass er der Geschwindigkeit der Rechner im voraus ist. Doch wer verfügt schon über einen so schnellen Rechner?
     
    Was nehme ich noch wichtiges mit, überlegte Charlize. Den mobilen Grid-Kommunikator mit Sicherheitsfunktionen. Der hat immer zu den Satteliten Kontakt und kann einen Notruf absetzen.
     
    Meine digitalen Ausweise natürlich, warum man die noch braucht weiss ich auch nicht so genau. Aber sicher ist sicher, denken sich wohl auch die Behörden. Schnell noch meine Allzwecktasche und los geht’s.
     
    Charlize verlies ihre Wohnung. Sie wohnte im südlichen Teil von München. In einem der neueren Wohnblocks im 46. Stock überirdisch. Für die tiefen unterirdischen Etagen hatte sie nicht soviel übrig. Am MIT kam sie jedoch nicht darum herum. Dort sind viele Labors tief unter der Erde. Teils aus Sicherheitsgründen, teils aus Platzgründen. Heutige Megacities haben Einwohnerzahlen von über 100 Millionen Menschen und Klonen. Die Skyline des New York der 90er Jahre würde man heute als ein Vorstädtchen bezeichnen. Heutige Skyscraper haben eine Höhe von bis zu 4,5 Kilometern. Sie sind erdbebensicher, statisch perfekt austrahiert durch beispielsweise eine schwere Massekugel die im Innern phasenverschoben mitschwingt und die aller neuesten von Ihnen verfügen über ein Energiefeld dass sich aus mehrfach redundanten Energiequellen speisst. Diese kleinen Städte für sich sind aufgeteilt in Bürobereiche, Wohnbereiche, Shopping-Zones, Wellness und Erlebnisbereiche. Sie verfügen natürlich über moderne Lichtspieltheater, Senkrechtgleiterlandeplätze, Sicherheits- und Rechenzentren oder Rohrpostbahnhöfe. Terroristen, soweit es sie noch gibt, habe keine Chance mehr. Diese Skyscraper sind eine waffenstarrende Festung. Eine eigene Luftabwehrbatterie auf dem Dach und eine eigene Wacharmee mit modernster Ausrüstung und ein nicht zu knackendes Sicherheitssystem, welches das Gebäude im nu abschotten kann, von innen und von aussen, sind im Jahr 2095 selbstverständlich.
     
    Ausserdem gibt es kaum noch Terroristen. Es gibt kaum noch arme Regionen auf der Welt, so dass dieser Nährboden entzogen wurde. Die Extremisten und Fundamentalisten unter ihnen sind auch fast ausgestorben. Es war das gemeinsame Verdienst vom ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Scott Davenport, der in seiner Amtszeit von 2042 bis 2054 gemeinsam mit der UN und dem Regierungsrat der Europäischen Union zunächst Fehler in der Aussenpolitik einräumte, und auf eine Politik der Versöhnung und des Ausgleichs mit den Islamisten betrieb. Der damalige Irakische Präsident Al-Awar El Lakurdi unterstützte diese Bestrebungen und vermittelte zwischen Christen und Moslems.
     
    Jau, dachte Charlize, während sie den Turbolift nach untern nahm, das alles wäre nicht möglich gewesen, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht geändert hätten. Die Energiesorgen der Menschheit bestanden nicht mehr. Seit dem Jahr 2048 wurden kommerzielle Kernfusionsreaktoren gebaut, auf der ganzen Welt. So eine Megastadt kann man jeden Tag mit Wasser bzw. Deuterium oder Tritium versorgen. Es gibt keine Abfälle mehr. Natürliches Öl gibt es eh keins mehr, aber man kann es künstlich herstellen, genau wie Gold oder Diamant. Doch das war heute nichts mehr wert.
     
    Ein entscheidender weiterer Grund für die Aussöhnung der Religionen war die Entdeckung der Weltformel. Dadurch wurden die Theorien der elementaren Grundkräfte vereint. Der Fermion-Boson Partner wurde gefunden. Die Theorien des Makrokosmos wie die Relativitätstheorie und die des Mikrokosmos, wie die Quantentheorie wurde durch die Super-String-Theorie und andere vereint. Witten und Hawkins hatten es nicht mehr geschafft. Es war Figgerty und sein Team, ein Australier, der es im Jahr 2057 vollbrachte. Das ganze Universum war erklärbar geworden. Man brauchte keinen Gott mehr! Und die relative Unsterblichkeit winkte schon.
     
     
    Kapitel 2
     
    Der Turbolift öffnete sich und Charlize trat in die Vorhalle ihres Wohnblocks.
     
    „Hallo Frau Bentzinger“ rief ihr ein Nachbar entgegen.
     
    „Hallo Herr Teuschert“ antwortete sie.
     
    „Ich dachte“, sagte Herr Teuschert forsch, „sie wollten sich für eine Weile auf einer dieser schwimmenden Städte einnisten um auch etwas Urlaub zu machen?“
     
    „Ja, ja. Das habe ich aufgeschoben. Ich habe jetzt was anderes vor. Hab’ ein Angebot vom MIT angenommen. Trotzdem bliebe ich noch ne Weile hier wohnen. Ich muss jetzt weiter, Herr Teuschert. Tschüüüs“.
     
    „Tschüss Frau Benzinger. Irgendwann nehme ich Ihr Angebot zu einem Umtrunk bei Ihnen an. Dann können wir ein bisschen über künstliche genetische Evolution klönen“, rief ihr Teuschert hinterher.
     
    Charlize nickte und verliess die Vorhalle über eine Rolltreppe die zum Bahnhofsbereich der Mini-Rohrpost führte. Der Zug liess nicht lange auf sich warten und Charlize stieg ein. Einen Senkrechtgleiter konnte sie sich im Augenblick nicht leisten, obwohl sie schon den Flugschein dafür besass.
     
    Iiiih Iiiiiih. Ein wichtiges Signal wurde an ihre Bewusstseinsrinde geschickt. Es war biogenetisch signiert und konnte nur von ihr verstanden werden. Es kam von dem Armreif, der mit dem Kommunikator verbunden war und gleichzeitig als Hörer diente. Ihr Ohrschmuck war quasi der Hörer. Er war mit dem Unterkiefer und dem Innenohr verbunden, einfach über Hautkontakt. Es war Vater!
     
    „Hallo Charlie“ tönte es in ihr Innenohr.
     
    „Du sollst mich doch nicht so nennen. Ich bin nicht mehr Dein kleines Mädchen“ ereiferte sich Charlize.
     
    „Hahahha, für mich bist du das immer noch. Habe von Ken erfahren das du das Angebot am MIT angenommen hast. Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen. Ich weiss, dass Du genau das wolltest. Aber sei mit nicht böse. Ich bin immer noch etwas traurig, dass Du nicht zur Zweiten Unabhängigen Europäischen Punktetransferstelle gekommen bist. Ich habe Dir den Weg dorthin geebnet. Du hättest in der technischen Abteilung arbeiten können. Genetische Biosignaturen. Aber das weißt Du ja alles.“
     
    Charlize griff zum Zigarettomat. Ein kräftiger Zug und sie war weniger nervös.
     
    „Jaa, Pappa, das weiss ich. Und ich finde es auch toll, dass Du es zum Leiter der Ersten Unabhängigen Punktetransferstelle des Mondes gebracht hast. Ich bin mächtig stolz auf Dich. Sobald sie den Mars anschliessen, wirst Du weiter aufsteigen. Wie weit ist den die Atmosphärenbildung auf dem Mond?“
     
    „ Die macht mir weniger Kopfzerbrechen. Es wird bald abgeschlossen sein. Das künstliche Gravitationsfeld funktioniert einwandfrei, der Druck stimmt schon. In meiner Gegend kann man zur Not schon ein paar Meter nach draussen gehen. Man soll aber noch nicht. Die Begrünungsmassnahmen sind logistisch schon angelaufen. Wasser haben wir auch. Wenn der erste Regen fällt werden wir alle feiern. Was mir mehr Sorgen macht sind einige Unregelmässigkeiten bei den Punktebewegungsdaten. So was gab es noch nie, ausser in den ersten zwei Testjahren von 80 bis 82. Und es kommt natürlich wie es kommen muss, einige Millionen Punkte sind verschwunden. Man vermutet sie auf einer der Netztransferstellen auf dem Mond. Die haben zwar, da sie völlig neu sind ein hohes Sicherheitsniveau, aber gerade deshalb sind sie etwas störanfällig. Es scheint Lücken im Sicherheitsnetz zu geben. Diese Transferstellen sind noch nicht völlig ausgetestet. „
     
    „Warum erzählst Du mir das alles?“ unterbrach Charlize. „Das sind doch alles sicherheitsrelevante, geheime Informationen?“
     
    „Ja ich weiss. Aber zum einen habe ich die Erlaubnis von Berenger von der UN-PT. Zum anderen verfügtst Du über das Spezialwissen um uns zu helfen. Falls Du nicht helfen willst oder Dir die Sache zu heikel ist, so behalte die Sache für Dich. Wir werden dann eine partielle Gedächtnislöschung vornehmen und ich werde eine spezifiziertes Recall-Block Signal senden.“
     
    „Ich verstehe. Ich überlegs’ mir kurz. Aber wenn es wichtig ist für Dich, werde ich euch natürlich helfen. Hast Du schon am MIT um Erlaubnis für mich gefragt?“
     
    „Ja, natürlich. Da es von sonnensystemweiter Bedeutung ist hat Prof. Segenhert zugestimmt. Die Ergebnisse unserer anstehenden Untersuchungen sind auch für ihn interessant. Er darf sie dann verwerten, wenn keine Sicherheitsaspekte im Wege stehen. Aber Geheimprojekte gibt’s am MIT ja genug“, kicherte Darius Bentzinger.
     
    „Ok Charlize, am besten nimmst Du den nächsten Aufzug in den Orbit und kommst mit dem Shuttle dann zu mir zur Lunaren PT, im Mare Tranquillitatis City. Ich schicke Dir Sondertransportpunkte der Lunaren PT. Die sind nicht zurückverfolgbar.“
     
    „OK Pappa, ich beeile mich“. Sprachs und rief ihren Grid-Kommunikator auf. Sie wählte die Seite der Transport Unit der Lunaren PT. Siiiit, machte es. Die Sondetransportpunkte waren da. Sie enthielten schon die Reiseroute und berechtigten zum Benutzen aller Gesellschaftseigenen Transporteinheiten der terrestrischen und Lunaren PT, mit höchster Prioritätseinstufung.
     
    Sie gab die signierten Punkte auf der Seite der Lunaren PT ein und erhielt prompt eine Bestätigung der Reiseroute mit Sonderstatus.
     
    Sie musste am grossen Rohrpostbahnhof aussteigen und dort die Rohrpost Richtung Äquatorstation XII der orbitalen Aufzüge nehmen. Man hätte auch einen der Terra-Luna Shuttels nehmen könne. Doch die waren sehr gross, wenig verfügbar und sehr auffällig.
     
    Charlize verliess die Minirohrpost und ging Richtung der Äquator-Line. Sie nahm noch einen Zug aus dem Zigarettomat und beschleunigte ihre Schritte. Ein komisches Geräusch war hinter ihr zu hören. Sie schaute sich kurz um. Sie sah aber nur eine Gruppe junger Leute, die offensichtlich viel Reisegepäck dabei hatte. Naja, hier auf den grossen Bahnhöfen ist halt viel los. Das ist sehr international. Die kommen teilweise auch vom Trabanten oder wollen sonst wo hin.
     
    Die Rohrpost zum Äquator fuhr alle 15 Minuten. Es gab jeweils zwei Röhren für hin- und zurück und natürlich 4 kleinere Sicherheits- und Wartungsröhren. Der nächste Zug fuhr ein. Charlize stieg ein und begab sich in die VIP-Abteilung der Lunaren PT. Der Steward wollte ihre Berechtigung sehen. Sie übertrug die Sonderstatus Signatur von ihrem Kommunikator Grid zu seinem mobilen Terminal.
     
    APPROVED erschien auf dem Terminal und sie durfte sich einrichten. In diesem Abteil der Rohrpost gab es allen möglichen Komfort. Ein bordeigenes Grid, frei bestellen à la Carte, Rückenmassagen und Informationsdokus über den Aufbau des Mondes. Charlize machte es sich bequem. Der Zug rollte an. Die Beschleunigung war sehr stark. Damit keine Werte über 2 g auf den Passagieren lasteten wurden Antigravitationsgeneratoren angefahren. Der Zug beschleunigte innerhalb von 7 Minuten auf 5500 km/h.
     
    Nach einer Fahrt von knapp zwei Stunden kam Charlize an der Äquatorstation XII an. Sie stieg aus und lenkte ihre Schritte in Richtung des orbitalen Aufzugs der Lunaren PT. Dort kamen sonst nur Mitarbeiter der PT hin. Beim einchecken sendete sie wieder ihre Sonderstatussignatur zum Terminal der Aufzugsgesellschaft und durfte ungehindert passieren. Sie betrat eine Aufzugsgondel. Die Türschloss sich. Das Ziel war schon einprogrammiert.
     
    Von da ab ging es mit irrsinniger Geschwindigkeit Richtung Orbit. Charlize drückte auf einen Sensorschalter und ein kleines Fenster öffnete sich. Hinter dem Sicherheitsglas konnte man jetzt in atemberaubender Weise den Planet Erde sehen, der immer kleiner wurde. Die Gondel durchstiess die Wolkendecke und bald konnte man fast die Hälfte der Erdkugel sehen. Die Gondel wurde langsamer. Eine Auffangstation kam in Sicht. Wenn da nicht das Nanoseil wäre könnte man meinen, dass man sich auf einer Raumstation befände. Charlize verliess die Gondel und ging Richtung Shuttle Station. Ein paar PT Mitarbeiter grüssten freundlich. Einer konnte sich einen kleinen Pfiff nicht verkneifen. Oh ja richtig, Charlize war angezogen für einen Stadtbummel. Sie bestieg den Laufsteg für den Shuttle. Einen besseren Zugang für das Gerät hatte man hier oben nicht. Da Reparaturen und schweres Gerät hier im Orbit unerwünscht waren. Die Schwerkraft wurde natürlich künstlich erzeugt.
     
    Es war ein kleiner Schuttle. Er hatte nur 26 Sitzplätze für Passagiere. Sechs Leute stellten die Crew. Zwei Piloten zwei Stewardessen, ein Sicherheitsmann und ein Techniker. Der Countdown lief. Das OK von Luna kam, der Stationskommandeur gab den Flug frei und der Schuttle bewegte sich Richtung Erdtrabanten. Das Mare Tranquillitatis liegt natürlich auf der „Vorderseite“ des Mondes. Auf der Rückseite ist es auch ziemlich kalt. Ausser Charlize war nur noch ein Passagier an Bord. Ihre Blicke begegneten sich kurz. Es war ein etwa 40 jähriger Mann. Gebräunt, blond und gutaussehend.
     
    „Hallo“ sagte er. „Sie müssen Charlize Bentzinger sein!“
     
     
    „Ja, und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“
     
    „Ich bin Edward Foster. Ich bin der stellvertretende Leiter der Lunaren PT. Ich bin eigentlich im Urlaub. Aber Ihr Vater hat mich zurückbeordert wegen dieser Sache. Sie wissen schon.“
     
    „Ich bin etwas eingeweiht ja.“
     
    „Darf ich Sie Charlize nennen? Ihr Vater hat mit viel von Ihnen erzählt. Ihr Vater und ich kennen uns noch von der Universität. Wir haben auch die Ausbildung an der UN-PT gemeinsam gemacht.“
     
    „Klar Edward“ spitzelte Charlize zurück.
     
    „Ich muss noch Deine Identität prüfen, Sicherheitsvorschriften. Ich bitte dich dasselbe mit mir zu machen!“
     
    Sie tauschten Ihre Ids und Ihre Sonderstatussignaturen aus. Alles wurde vom Sicherheitsrechner der Lunaren PT gegengecheckt. Dessen Integrität wird von der UN-PT überprüft. Wenn der Mars fertig ausgebaut ist kommt dort ein gleichwertiger Rechner hin. Aber das dauert noch ein paar Jährchen. Im Jahr 2100 soll der Mars feierlich eröffnet werden.
     
    „OK Charlize, ich denke wir können uns jetzt offen unterhalten. Was Dein Vater Dir, wie ich glaube noch nicht gesagt hat, ist, dass ein Fehler im System vermutet wird, der das ganze System gefährden könnte. Wir sind uns aber noch nicht sicher. Eventuell sind das gewöhnliche Kriminelle, ohne politische oder sonstige Absichten. Was aber unklar ist, ist der Tatbestand, dass sie Punkte umleiten konnten. Was noch nicht so tragisch ist. Denn jeder weiss ja, das niemand als der Inhaber damit etwas anfangen kann. Auch eines ist klar, alle zugelassenen Transferstationen, ob mobil oder nicht verfügen über ein Sicherheitsfeature, ohne das die Punkte dort überhaupt nicht geladen werden können. Man kann Punkte nicht in jeden beliebigen Computer laden. Auch die privaten Computer und die firmeneigenen Computer mit denen Punkte transferiert werden, werden von den entsprechend lokalen PTs mit dieser Signatur ausgestattet. Damit sind sie aber gleichzeitig registriert, und nichts und niemand kann dort gestohlene Punkte lagern, ohne das die PTs etwas davon bemerken. Also, warum haben diese Leute die Punkte umgeleitet, und wie, und wo sind sie versteckt ?“
     
    „Eventuell wollen sie Designer Drogen davon kaufen. Doch dazu müssten sie Ihre Biosignatur ändern. Wem gehörten die Punkte? Ein und derselben Person? “
     
    „Das weiss ich nicht“, antwortete Foster mit strenger Miene. “Aber das werden wir herausfinden. Ihr Vater weiss bestimmt schon mehr, denke ich.“
     
    Der Shuttle bremste. Der Mond füllte nun den ganzen Holoschirm für die Passagiere. Die Audioanlage knackste: „Hier spricht der Kapitän. Wir landen innerhalb der nächsten fünf Minuten auf der Dockingstation der Lunaren PT bei Mare Tranquillitatis City. Bitte machen sie sich abmarschbereit. Es ist hier 16:00 Uhr nachmittags. Es ist hier immer hell. Ist ein bisschen wie in Alaska. Sie werden einen kleinen Timelag haben. Beim auschecken werden Sie kurz medizinisch untersucht und gegen bekannte Erreger immunisiert. Die Gravitation beträgt 0,965 g. stellenweise kann dies auf bis zu 0,6 g abweichen. Stellen sie sich darauf ein. Da Sie Angehörige der Lunaren PT sind sollten Sie sich nur von dessen Nahrungsgeneratoren ernähren. Die werden täglich überprüft und desinfiziert. Wir hatten vor kurzem eine Springmaus-Jelzner Epidemie auf Mare Tranquillitatis. Da auch Tiere vom ASIA-Block importiert werden, wo teilweise mangelnde hygienische Bedingungen herrschen, besteht die Gefahr, dass noch andere Viren vom Tier auf den Menschen überspringen. Eine kleine Einweisung in die Gegebenheiten des Lebens auf dem Mond werden sie auch geniessen können, sofern sie das erste Mal hier sind. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt auf dem Mond und Danke Ihnen für Ihr Vertrauen.
     
    „Den medizinischen Check machen wir natürlich. Den Rest können wir später nachholen. Soweit ich weiss bist Du das erste Mal auf dem Mond. Aber unsere Mission hat Vorrang“, raunte ihr Foster zu.
     
    Charlize nickt kurz.
     
    Der Shuttle setzte auf. Die Stadt war unvergleichlich schön. Hier konnte man ganz von vorne anfangen und hatte alle Sünden von den Erdstädten vermieden. Es gab keine Skyscraper. Viele mächtige Gebäude zwar, die waren aber eher rundlich, terrassenförmig, ja teilweise fast pyramidenförmig mit ästhetischen Schwüngen und Bögen. Es gab keine klare Trennung zwischen wohnen, arbeiten und einkaufen. Alles war zusammen. Dadurch gab es weniger Transportaufkommen. Die meisten Gebäude und Leute sind von staatlichen Stellen. Es herrscht noch Gründerzeit. Nur nach und nach kommen Privatleute und suchen Jobs. Einkaufsmalls öffnen deshalb auch nur zögerlich, da die meisten Leute von staatlichen Gesellschaften versorgt werden. Private Firmen sind auch fast autonom versorgt. Aber das wird sich bald ändern.
     
    Was hier auch Hochkonjunktur hat ist Arbeit für Juristen. Die terrestrischen Gesetzte müssen angepasst werden und von der lunaren Regierung ratifiziert werden. Diese Regierung setzt sich aus Erdenvertretern zusammen. Für eine unabhängige Regierung hatte man noch nicht den Mut. Sie ist aber in Planung. Dann gibt es hier zum ersten mal freie Wahlen. Einen eigenen Gerichtsstand haben die Städte schon. Die Leute klagen massenweise die Grundstücke ein, die ihre Väter und Grossväter vor rund 100-70 Jahren günstig erworben haben. Wenn nicht ein lunarer Hoheitsgrund vorliegt bekommen die Leute ihre Grundstücke. Noch ist kein Platzmangel. Sinn macht ein Grundstück aber nur, wenn es in der Nähe einer Infrastruktur liegt. So alleine siedelt es sich recht unkomfortabel.
     
    Das Shuttle landete auf der Plattform der Lunaren PT und wurde in die Ankunftshalle gefahren. Das Schott schloss geräuschlos. Es stammte noch aus den Zeiten als es keine Atmosphäre gab. Die Halle war ausgerichtet Atmosphäre und Druckausgleich herzustellen. Doch das war eigentlich nicht nötig. Die künstliche Atmosphäre des Mondes war in den wesentlichen Bestandteilen der der Erde identisch. Sie war nur mit etwas mehr Sauerstoff angereichert. Der Sauerstoffanteil lag bei etwa 25 %. Der Stickstoffanteil bei 70%. Der Rest war wie auf der Erde Edelgase, etwas Kohlendioxyd, Methan, Helium, und Ozon. Aber kein Schwefeldioxyd und auch kein Distickstoffoxyd oder Ammoniak. Die Funktion der Ankunftshalle bestand zunächst einmal darin, eine perfekte Erdatmosphäre zu bilden, damit die Passagiere langsam an die mondspezifischen Gegebenheiten gewöhnt werden können.
     
    Charlize und Foster wurden von der Mannschaft verabschiedet und bestiegen den kleinen Ausstiegslift des Schuttle. Unten angekommen wartete schon ein kleines Gefährt. Scheinbar von Geisterhand geführt ging es weiter durch unzählige Korridore und Kuppeln. Schotte öffneten sich automatisch und schlossen sich. Irisförmige, von unten nach oben, zur Seite, Charlize hatte aufgehört es zu beobachten. Leute grüssten, Roboter aller Art wieselten beschäftigt umher. Foster’s Miene war gleichgültig. Er schien das alles schon zu kennen. Plötzlich kamen sie vor ein sehr grosses Schott. Hier musste es sein. Ein Wachmann begrüsste sie. Er steckte einen Chip in ihr Gefährt, redete mit seinem Kommunikator mit jemandem, und grüsste nochmals höflich, fast militärisch. Das fast 4 Meter hohe grosse Schott ging irisförmig auf. Es stellte sich heraus, dass es drei ineinander verschachtelte Schotts waren. Einige Hololampen fingen an zu blinken. Das musste das unsichtbare Energiefeld sein, welches nun kurz abgeschaltet wurde. Das Gefährt fuhr wieder an. Eine Brücke über einen Bach baute sich auf ein zweites Schott ging auf. Sie fuhren durch und waren drin, im Heiligtum der Lunaren PT. Sie stiegen aus dem Gefährt und gingen durch eine weitere Sicherheitstür. Eine Empfangsdame erwartete sie dort schon.
     
    „Hallo Frau Benztinger, Hallo Herr Foster, Herr Bentzinger erwartet Sie schon. Bitte folgen sie mir“.
     
    „Hallo Kristen, hätte nicht gedacht dich so schnell wiederzusehen“, scherzte Foster.
     
    Kristen lachte und wies sie an einen Aufzug zu nehmen. Sie sah in ein Gerät und steckte einen Chip hinein, tippte hastig was ein und schon schlossen sich die Türen. Der Lift hielt schon nach 6 Stockwerken an. Foster erklärte Charlize, dass es die umgekehrte Richtung, also nach unten viel tiefer ging. Etwa 30 Stockwerke nach unten. Darunter sollen noch ein paar geheime Stockwerke sein. Dort soll auch der Super-Cluster Rechner sein. Oben angekommen wurden sie von Bentzingers Sekretärin begrüsst.
     
    „Sie müssen Frau Bentzinger sein. Herzlich Willkommen! Hallo Edward!“
    „Hallo Susanne!“.
    „Danke. Oh man, ist das umwerfend hier!” staunte Charlize.
     
    Das Büro von Darius Bentzinger war unter einer durchsichtigen Kuppel. Man hatte einen tollen Ausblick auf das Mare Tranquillitatis und seine neue Stadt.
    Überirdische Bahnen für computergeführte Wagen hingen in der neuen Mondluft von Gebäude zu Gebäude. In der Ferne sah man schon einige Grünanlagen. Ein grosses, terrassenpyramidenförmiges Gebäude erregte die Aufmerksamkeit von Charlize.
     
    „Das ist die Tyrel Corporation“, sagte jemand mit scheinbar ernster Miene.
     
    „Pappa!“ Carlize sprang Darius Bentzinger um den Hals.
     
    „Charlie, mein Engel“. Das familiäre Glück schien perfekt.
     
    „Hallo Edward!“
     
    „Hallo Darius!“
     
    „Kommt rein in die gute Stube!“
     
    „Nein, das ist die lunare IBM. Du solltest erst mal die Microsoft Gebäude sehen Charlie!“
     
    Zwei Schotte öffneten sich und Charlize war in dem schönsten und komfortabelsten Büro da sie je gesehen hatte.
     
    „Wie hast Du das denn geschafft Pappa?“
     
    „Nun, ich habe sämtliche Rechner der UN-PT gehackt!“, scherzte Bentzinger.
     
    Charlize und Foster lachten.“ Manchmal könnte man meinen, dass du das ernst meinst.“, sinnierte Charlize.
     
    „Ernst ist die Lage in jedem Fall. Lasst uns setzen. Susanne, bitte bring uns Kaffee und etwas Gebäck.“
     
    Ein kleiner Roboter kam zum Schott herein und brachte das Gewünschte.
     
    „Nun, ich würde Dir hier gerne alles erst mal zeigen. Leider haben wir nicht viel Zeit. Wir müssen gleich zum Grund unseres Zusammentreffens kommen.“
     
    „Darius, so weit ich weiss ist noch nichts wirklich beunruhigendes geschehen“.
     
    „Edward, leider doch. Das Problem hat sich verschärft. Ich habe Sicherheitsstufe orange ausgerufen.“
     
    „Orange ?“
     
    „Ja, Edward. Und zwar haben wir herausgefunden, dass wir es bei den Punktedieben nicht mit ein paar gewöhnlichen Kriminellen zu tun haben. Einem unserer Systemspider ist es gelungen bei einem der gestohlenen Punkte ein Signatur-Rollback durchzuführen. Dadurch wurde dieser Punkt überhaupt erst als gestohlener Punkt identifiziert. Das heisst mit anderen Worten, die Diebe sind in der Lage die Biosignatur der Punkte zu verändern!“
     
    „Oh Nein, nicht das!“, stöhnte Foster. „Das gab es seit der Testphase nicht mehr und da haben wir selbst noch alles kontrolliert!“
     
    „Ich weiss, Edward. Die Diebe müssen hochqualifizierte Fachleute sein. Und sie müssen über eine Rechnerinfrastruktur verfügen, die der der UN-PT ebenbürtig ist. Nur solche Rechner wären theoretisch überhaupt in der Lage die Signatur zu knacken. Mal abgesehen von dem Spezialwissen, was man braucht.“
     
    „Wenn die über solche Möglichkeiten verfügen, dann können die sämtliche grösseren Punktevorräte manipulieren, jeden bestehlen und das ganze System in Gefahr bringen. Ausserdem könnten sie die Punkte im Grid manipulieren.“, folgerte Foster.
     
    „Ja genau, Edward. Und es könnte noch schlimmer kommen. Unsere Szenario-Rechner haben herausgefunden, dass diese Leute eventuell in der Lage sein könnten einen Signatur-Virus zu basteln. Dieser wäre dazu fähig, einmal ins Grid oder in staatliche und firmeninterne Netze eingeschleusst, sämtlich Punkte zu analysieren, zu modifizieren und den gesamten Punktefluss zu kontrollieren. Das hätte katastrophale Auswirkungen auf jede ökonomische Aktivität!“
     
    Charlize holte ihren Zigarettomat aus der Allzwecktasche. Foster lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Kaffee.
     
    Es herrschte gespannte Ruhe im Raum. Einige Lämpchen flackerten, hier und da gab der Gencomputer einige Meldungen aus. Charlize schaute in die Ferne. Wie schön hier doch alles aussieht. Ist das alles nur trügerisch ?
     
    „Das ist ja eine schöne Bescherung.“, kommentierte Charlize.“ Aber wie soll ich denn euch helfen?“
     
    „Nun“, antwortet Bentzinger „Ich habe da so ein Gefühl, dass Deine Kenntnisse auf dem Gebiet der Genforschung uns noch sehr nützlich sein könnten. Ich habe es mit Berenger diskutiert. Er war am Ende meiner Meinung. Wir brauchen Hilfe von aussen. Da es bei uns in der Familie bleibt, habe ich auch das Vertrauen, dass alles was hier gesagt wird, den Raum nicht verlässt. Ich verzichte darauf bei Dir, Charlize einen Recall-Block zu setzen. Wir müssen uns vertrauen, sonst hat es keinen Zweck!“
     
    „Ja, Vertrauen ist wichtig, Pappa. Du weißt ja, wie ich dazu stehe. Grossvater hat es Dich gelehrt. Du hasst es mich gelehrt. Ich denke, wir brauchen darüber nicht zu sprechen. Aber warum ich? Hat die UN-PT keine Gentechniker ?“
     
    „Doch, natürlich. Aber die wissen im Augenblick nicht weiter. Die sind quasi betriebsblind, können die Lücke im System im Augenblick nicht dingfest machen. Wie müssen aber schnellstens Erfolge vorweisen. Der Prozess mit den Punkten ist im Augenblick irreversibel. Wir